Das London Symphony Orchestra spielte unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner in der ausverkauften (!) Alten Oper Frankfurt

(Frank Heckel) Nicht nur der kompetente Klassik-Kenner, auch der kundige Kino-Konsument kennt das legendäre London Symphony Orchestra (letzter Stabreim in dieser Rezension!): Star Wars, Superman, Raiders of the Lost Ark (Indiana Jones), Harry Potter und viele mehr hat das LSO musikalisch veredelt. Gleichermaßen ist es eines der bedeutendsten Konzertorchester weltweit. Am Mittwoch Abend, 10.02.2016, gastierte das LSO in der Alten Oper Frankfurt. Auf dem Programm standen drei Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy: Die Sinfonie Nr. 1 in c-moll op. 11 sowie seine Sommernachtstraum-Musiken op. 21 und op. 61:

Urknall

Dem Terminus »Jugendwerk« haftet das noch Unfertige, noch nicht Ausgereifte an. Dass Mendelssohn seine erste Sinfonie im zarten Alter von 15 Jahren schrieb, bedeutet aber gerade nicht, dass er noch »viel zu lernen« hatte, denn er war eine jener unbegreiflichen Früh-Begabungen, die schon in der Jugend eine Meisterschaft erreicht hatten, von denen andere selbst im hohen Alter nur träumen können. Wirklich seine erste ist es zudem nicht, er hatte schon sieben Streicher-Sinfonien zuvor geschrieben, dieses Werk ist jedoch das erste, das »offiziell« zu zählen er würdig befand.

Wer noch immer glaubte, »Klassik« sei etwas Verstaubtes, Vorgestriges, das unserer Epoche nichts mehr zu sagen habe, wurde an diesem Abend geradezu »erleuchtet«: Unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner spielte das London Symphony Orchestra mit einer Intensität, die nicht zu übertreffen ist. Schon die ersten Takte der Ersten Sinfonie »explodierten« geradezu urknall-haft mit einer Energie, die so manche Heavy Metal-Formation sich nur herbeisehnen kann. Die dynamischen Extreme wurden ausgelotet, ohne dass der Klang sich jemals verhärtete. Niemals wirkte etwas überzogen, auch nicht die straffen Tempi, alle Entfesselung orchestraler Wucht war stets aus dem Werk begründet. Am leisen Ende der dynamischen Skala erklangen nach der Pause die flirrenden Streicher im »Sommernachtstraum« mit einer ätherischen Grazie und Präzision, die so nur von den allerbesten Orchestern erreichbar ist.

Gardiner ist einer der bedeutendsten Spezialisten für historische Aufführungspraxis. Konsequent spielten die Streicher meist ohne Vibrato, allerdings nicht stur und dogmatisch durch das ganze Konzert, sondern da, wo es sich klanglich als sinnvoll erwies. In diversen Passagen wurde Vibrato subtil eingesetzt, fast kaum wahrnehmbar – immer im Dienst optimaler Klanggestaltung. Auch spielten Violinen und Violen – historischer Praxis folgend – die knapp 40-minütige Sinfonie im Stehen, erste Violinen links, zweite rechts, sodass die vom Komponisten intendierten Panorama-Wirkungen bei Imitationen zwischen beiden Instrumentengruppen auch tatsächlich wahrnehmbar waren. Es bleibt zu wüschen, dass diese »deutsche« Orchester-Aufstellung sich wieder mehr durchsetzen wird, für romantisches Repertoire ist sie unabdingbar – und wird dennoch von »Pultstars« oft missachtet …

Shakespeare

Mendelssohns »Sommernachtstraum« besteht aus zwei Werken, deren Opuszahlen eine große zeitliche Distanz der Entstehung bezeugen: Als 17-jähriger schrieb er die Ouvertüre op. 21, die eines der bekanntesten Orchesterwerke überhaupt ist. Mit deren Umarbeitung zur Filmmusik von Max Reinhardts Verfilmung von A Midsummer Night’s Dream begann 1935 die Hollywood-Karriere einer anderen Extrem-Früh-Begabung: Erich Wolfgang Korngold, der mit seinen Musiken zu Errol Flynn-Filmen der expandierenden amerikanischen Filmindustrie ihre charakteristische Klangfarbe geschaffen hat.

17 Jahre nach der Ouvertüre schuf Mendelssohn dann die Fortsetzung der »Sommernachtstraum«Konzertouvertüre, die Schauspielmusik op. 61:

Bruno Ganz als Sprecher traumwandelte behende durch die verschiedenen Rollen, flexibel wechselnd zwischen skurril kobold-haftem Sprachduktus und düsterer Prospero- oder gar King Lear-Nähe.

12 Damen des Monteverdi Choir sangen auf stimmlich höchstem Niveau, einige davon auch solistisch – stets wunderbar timbriert. 1964 hatte Gardiner als 21-jähriger dieses Ensemble gegründet und über ein halbes Jahrhundert zu Weltruhm geführt.

Ein ganz großer Abend – auf diesem Niveau erlebt man Mendelssohn nur selten. Selbst der geradezu »über-bekannte« Hochzeitsmarsch konnte bei der Uraufführung nicht frischer gewirkt haben. Das Timing zwischen Bruno Ganz und John Eliot Gardiner bei den vielen Wechseln und Überlagerungen von Musik und Sprache war perfekt, ein bildgenau geschnittener Film mit Click-Track-unterstützter Tonaufnahme hätte es nicht präziser hinbekommen, dies hier war jedoch »live«. Ein Lehrstück für eine ganze Industrie von sogenannten »Künstlern«, deren Gestammel erst nach Hunderten von Schnitten »irgendwie brauchbar« wird und die einen Live-Auftritt nur durch die Gnade des Playbacks überleben können. (Soviel Häme muss sein …)

Wer hätte die Sommernachtstraum-Musik treffender charakterisieren können als Franz Liszt: »Keiner konnte wie er den Regenbogenduft, den Perlmutterschimmer dieser kleinen Kobolde schildern, die glänzende Emphase eines hochzeitlichen Hoffestes wiedergeben.« Das LSO, The Monteverdi Choir, Sir John Eliot Gardiner und Bruno Ganz verkörperten diese Stimmung mit einer Intensität, die nicht überreden muss, sondern vollkommen überzeugt …

Fotonachweis: Alte Oper Frankfurt / Tibor Pluto
Fotonachweis: Alte Oper Frankfurt / Tibor Pluto

Autor: extern Frank Heckel, Frankfurt

Fotonachweis: Alte Oper Frankfurt / Tibor Pluto (extern: TFPPhotography)