Documenta 14 oder warum Kunst wirkt

(Augsburg/Kassel, Su Steiger) Die größte Ausstellung von Gegenwartskunst findet alle 5 Jahre in Kassel statt. Verteilt auf etliche Ausstellungsorte, im Straßenraum, in „zweckentfremdeten“ Postwagenhallen oder auch an Gebäuden, die vollständig mit Kunst umhüllt sind. Aber ist das etwas für jedermann? Ja. Ja, und ja. Und es ist trotz Kritik der Kunstkritiker sicherlich nicht die schlechteste Gelegenheit, sich mit aktuellen Themen und deren künstlerischen Interpretationen auseinanderzusetzen. Fazit: Wer vor dem 17.09.2017 Gelegenheit findet, nach Nordhessen zu reisen, sollte sich einen kleinen Rundgang nicht entgehen lassen.

Zwei halbe Tage – an einem wäre es eine zu große Masse an Eindrücken und Kunstwerken gewesen, um sie nachhaltig zu sehen, wahrzunehmen und für sich selber interpretieren zu können, besuchte die Autorin Mitte August die Documenta14. Wer sich erst einmal mit der leider sehr unsichtbaren Signet-Gebung (das Documenta14-Logo ist leider wirklich weder von Farbgebung noch Auffälligkeit als herausragend zu bezeichnen) vertraut gemacht hatte, konnte auch die Ausstellungsorte vor Ort finden.

Von öffentlichen Plätzen …

Einige Kunstwerke finden sich auch ohne Eintrittsgeld frei zugänglich auf öffentlichen Plätzen – wie der Obelisk an Königsplatz, die unfertige Gemeinschaftsproduktion mit spendablen Bücherspendern des Parthenon-Tempels (siehe Bild 1, Stand 16.08.2017) auf dem Friedrichsplatz oder auch die den tatsächlichen Wohngelegenheiten chinesischer Arbeiter nachempfundene Kunstinstallation der Röhren-Zimmer (siehe Bild 2) oder die Beschriftung des Museum Fridericianum, die ebenfalls von einem Künstler in „being safe is scary“ (siehe Bild 3) umgestaltet wurde. Ein „Eulen nach Athen“ tragender Grieche war natürlich auch anwesend, Performance Kunst im Kleinen.

Bild Nr. 1 (c) ApropoSMedia/Su Steiger
Bild Nr. 2 (c) ApropoSMedia/Su Steiger
Bild Nr. 3 (c) ApropoSMedia/Su Steiger

… über das Palais Bellevue ( mit ebensolcher Aussicht) …

Bild Nr. 4 (c) ApropoSMedia/Su Steiger

Dieser Außenrundgang lag vor dem Besuch von drei Ausstellungsgebäuden, die in den drei Stunden der Abendeintrittskarte (ab 17 Uhr bis Ausstellungsende 20 Uhr) auf dem Plan standen. Startpunkt war das Palais Bellevue, das einen überschaubaren und zugleich gebäudetechnisch attraktiven Einstieg bot. Das Belle Epoque-Gebäude versammelte auf drei Stockwerken eine erste Zusammenstellung unterschiedlichster Kunststile und Richtungen nebst indirekter politischer Aussagen. So erzählte ein Wandvorhang mit übereinanderliegenden verzerrten kartographischen Abbildungen und musikalischen

Elementen von der Zerrissenheit und dem Aufeinanderprallen der Kulturen (ganz ohne Blut) (siehe Bild 4). Auf der anderen Seite waren Installationen mit verschiedenen alten Möbelteilen und auch einer Nähmaschine zu

einem Labyrinth, Hochstand oder einer „Seewing-Mashinegun“(siehe Bild 5)

Bild Nr. 5 (c) ApropoSMedia/Su Steiger

ausgestellt, die ihre Wirkung ebenso weinig verfehlten. Weiter im Inneren oder auf den anderen Etagen ging es mit Holzintarsien und strukturellen Kunstwerken weiter, die auch durch Farbe und Material faszinierten. (Die Nennung der einzelnen Künstler wäre Namedropping – und das auch nur auszugsweise – da es im Bericht darum geht, einen Gesamteindruck zu vermitteln, unterbleibt dies. Drei Stockwerke sind eine Menge, das oberste aufgrund der baulichen Tragfähigkeit mit Besucherbegrenzung: geschenkt  also und weiter zur Documentahalle.

 

… zur hochgestreckten Documentahalle …

Bild Nr. 6 (c) ApropoSMedia/Su Steiger

Natürlich wird sie auch ohne Documenta genutzt, dennoch ist sie eigens für die Documenta gebaut worden und war 1992 erstmals für die Documenta 9 genutzt. Seither ist sie nicht mehr wegzudenken aus dem Repertoire, gibt sie doch durch ihre imposante Raumhöhe Gelegenheit, entsprechend eindrucksvoll Kunst zu inszenieren. Die Mischung der dort ausgestellten Werke reicht von der Würdigung (der musikalischen Kunst) Ali Farka Tour aus Mali, der als einer der 100 besten Gitarristen auf der Welt gilt (https://www.youtube.com/watch?v=g0iaTsSHuWY – Hörbeispiel), dem ein ganzer Raum gewidmet wurde (siehe Bild 6). Überhaupt geht es in der Documentahalle sehr intensiv um Minderheiten und Flüchtlinge, von Afrika (siehe Bild 7) über den Orient nach Asien oder in nordische Länder. Kunstvolle Webteppichbilder oder kraftvoll mit Seilen und Farbe gestaltete Bilder bezeugen dies. Auch die Bootswracks verloren ihre Wirkung nicht – so bruchstückhaft im riesigen Raum hängend – weiter oben, dem Licht entgegenstrebend und zugleich den Schwankungen desselben ausgeliefert war das „blaue“ Kunstwerk die Ergänzung (siehe Bild 8). Lediglich die Büromöbelinstallation mit Klebestreifen verwirrte in dem Zusammenhang. Aber so ist es nun mal, die Künstler haben ihre eigenen Interpretationen und Vorstellungen.

Bild Nr. 7 (c) ApropoSMedia/Su Steiger
Bild Nr. 8 (c) ApropoSMedia/Su Steiger

… bis zur euen Neuen Galerie …

Bild Nr. 9 (c) ApropoSMedia/Su Steiger
Bild Nr. 10 (c) ApropoSMedia/Su Steiger

Den Abschluss des Abends bildete der Besuch der Hauptpost – via Hintereingang. Hier befindet sich für die Dauer der Documenta eben jene „neue“ neue Galerie, was es für Ortsunkundige, die kunstignorante Einheimische nach dem Weg fragen, bisweilen schwierig macht, den Ort tatsächlich zu erreichen. Angekommen ist festzustellen: der Ort bietet die richtige Atmosphäre und ist – auch wenn sich die zusammenhänge nicht erschließen – perfekt bestückt. Großflächiges, wie das bunter Wandgemälde mit tausenden Känguruhköpfen (siehe Bild 9) und Spruchband, Skuriles, wie die Rentierschädel nebst Gesetz der Rentierhaltung, Lokales, mit Gegensätzen wie die sehr emotionalen Portraits der „Nordstadt“-Bewohner-Gruppen finden hier einen idealen Raum – besonders am Abend, wenn es schon dunkler wird. Dann kommen auch die Lichtinstallationen gut zur Wirkung. (siehe Bild 10). Auch die Reminiszenz an Kassel mit mehreren dutzend Säcken voller rostiger Stahlklumpen, schön drapiert und aufgereiht, passt. Leider ist die Videoinstallation mit bedruckter Projektionsfläche mit 35 Minuten viel zu lang, um sich ihr in der kurzen Zeit wirklich aufmerksam mit der ethnographischen Auseinandersetzung zu befassen. (siehe Bild 11)

Bild Nr. 11 (c) ApropoSMedia/Su Steiger
Bild Nr. 11 (c) ApropoSMedia/Su Steiger

Schade eigentlich, denn sie wirkte sehr gelungen komponiert aus Bildern und Ton. Im weiteren Gebäude verbargen sich noch mehr Ausstellungsflächen – neben der rosa Teppich-Flächen-Installation zum aktiven Teilwerden des Kunstraums war es das ABC, das in 102 Briefen mit passenden Buchstaben – alle an die Documenta adressiert und von Athen aus ab dortigem Ausstellungsbeginn per Post geschickt – eine nette verbindende Idee darstellte. (siehe Bild12). Die „Documentaschuhe“ mit entsprechender Verpflichtung der Trägerin, nur zu arbeiten, wenn sie die Schuhe an hat, waren schon ziemlich ausverkauft – der Laufsteg leer. Aber es galt ja auch mehr, Eindrücke denn reale Gegenstände mitzunehmen.

Bild Nr. 12 (c) ApropoSMedia/Su Steiger

… und über den Weinberg zur Neuen Galerie

Bild Nr. 13 (c) ApropoSMedia/Su Steiger

Der nächste Vormittag stand ganz im Zeichen des Aufstiegs und begann am Fuße des Weinberg: Eine Hang-Garten-Anlage, die mehr oder weniger fast nur zu Documenta-Zeiten so einfach zu besuchen ist, denn da ist sie auf jeden Fall tagsüber geöffnet. Der Aufstieg führte zu zwei weiteren Kunstwerken im Grünen, nämlich einem kugeligen Marmorzelt und einem auf der Anhöhe geschickt in die Kulisse gestellten, großflächigen Reitergruppenbild mit Auto in schwarz weiß (siehe Bild 13). Während das Marmorzelt in Anbetracht der sommerlichen Schwüle durchaus den einen oder anderen zum Abkühlen darin einladen mochte, versetzen die fremdländischen Reiter das Ganze in einen anderen geographischen Zusammenhang. Geglückte Komposition, liebe Kuratoren.

Die Neue Galerie nimmt locker den ganzen Vormittag in Anspruch – ihre Größe lässt einiges an Ausstellungsfläche zu . So ist auch einiges Archivarisches mit integriert, was dazu verleitet, es zu übergehen, weil man die Gegenwartskunst nicht zu kurz kommen lassen möchte. Der nachhaltig wirkendste Raum war einer, in dem 40 Collagen so harmonisch mit der Farbgebung des Raumen waren, dass sie selbst in einer Zeit, in der viele Menschen die Ausstellung besuchten, Ruhe und Harmonie ausstrahlte. (Dank gilt den Besuchern, die den Raum so leer auf den Bildern zur Wirkung kommen lassen (sieh 3 Bilder 14)). Natürlich wirkte auch die wandflächenfüllende Montage faschistischer und sonstige despotischer Portraits, die eine deutlichere politische Aussage bezweckten.

Bild Nr. 14a (c) ApropoSMedia/Su Steiger
Bild Nr. 14b (c) ApropoSMedia/Su Steiger
Bild Nr. 14c (c) ApropoSMedia/Su Steiger

Es gäbe noch mehr – viel Gegensätzliches, viel Verbindendes und auch Politisches, das jedoch längst nicht so laut und massiv wie damals bei der Documenta 9, bei der auch der Turm des Museums Fridericianum mit Rauch umwabert war wie dieses Jahr und die afrikanischen Künstler auf dem Friedrichsplatz trommelten für Freiheit und Gleichheit. Dennoch bringt die Documenta 14 es zustande, nachdenklich und aufmerksam auf Minderheiten zu machen.

Es gab auch einige verbindende Elemente, die man zum einen in Kunstwerken, deren zweiter Teil oder ein sie ergänzender jeweils an einen anderen Ausstellungsort wiederzuentdecken war, oder auch in der Zusammenstellung mit den bereits vorhandenen Kunstwerken in einem Raum erkennen konnte. Allerdings war bzw. ist hier jeder dazu verdonnert, selbst darauf aufmerksam zu werden. Die Kuratoren hielten es nicht für nötig, darauf hinzuweisen in den spärlichen, des öfteren kunstfachsprachlich verquasten Bildbeschreibungen. So bleibt das Fazit: Auf der Documenta 14 gibt es viel zu entdecken, viele Minderheiten (neu) kennenzulernen und eine Auseinandersetzung findet statt. Man muss es nur wollen.

Die Documenta 14 ist noch geöffnet bis einschließlich 17.09.2017, täglich von 10 bis 20 Uhr, weitere Informationen unter www.documenta14.de

(alle Bilder Copyright ApropoSMedia/Su Steiger)

  1. […] P.P.S.: Ein Rundgang ist nachzulesen bei der Mittelpunkt-Zeitung.de […]

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