Heike Matthiesen: Die »Tatort-Twitterin« an der klassischen Gitarre

MZ» erinnerst du dich eigentlich noch daran, wo wir uns kennengelernt haben?
Heike»» Über Twitter- und real dann auf der Musikmesse!
Thomas» Stimmt, so hatte ich das auch in Erinnerung.

MZ» Du hast Musik in den Genen, wie kommt das?
Heike»» Großvater Komponist und Pianist, Vater Dirigent, Mutter Pianistin – und ich bin dann im Opernhaus großgeworden, so war Musik in den Genen und von Geburt an präsent. Meine tiefe Liebe zu Mozart könnte ja auch damit zu tun haben, dass meine Mutter während der Schwangerschaft «Jeunehomme» gearbeitet hat, ich habe also Mozart schon mehr als mein Leben lang gehört!

Thomas» Da konnte dann ja auch nichts mehr schief gehen.

MZ» Wann hast du das erste Mal eine Gitarre in der Hand gehabt und wolltest du schon immer Musikerin werden?

Quelle (c) Foto:www.heikematthiesen.com
Quelle (c) Foto:www.heikematthiesen.com

Heike»» Bei uns hing eine wunderschönen alte Gitarre an der Wand, die ich dann immer mal abgepflückt habe, ein erstes Mal ist da nicht mehr rekonstruierbar… Musiker werden? Um Himmelswillen nein, wenn man aus einem Profihaushalt kommt, kennt man die Unsicherheit der Existenz und die krasse Disziplin, die einem abverlangt wird. Noch dazu wird man von den allerersten Gehversuchen am Instrument natürlich nur an der Perfektion gemessen, von der man umzingelt ist, da kann es sehr schwer fallen, die eigene Begabung zu schätzen. Also vielleicht kein Zufall, dass ich als Opern- und Klavierkind dann ausgerechnet das scheinbar am weitesten entfernte Instrument gewählt habe. Klavierüben, wenn beide Pianisteneltern im Haus sind, ist ja auch nicht immer motivierend…

Thomas» Ich denke, dafür hast du es mit dem gewählten «weit entfernten Instrument» aber weit geschafft, Gratuliere!

MZ» Wo hattest du deinen ersten Auftritt?
Heike»» Mein erster bezahlter Auftritt war «Don Pasquale», Oper Frankfurt, nur eine Arie zu begleiten, aber also gleich vor 1.500 Zuschauern im Opernhaus. Einige Jahre später mein erstes abendfüllendes Solokonzert war in Frankfurt für den Tonkünstlerbund 1997. Meine ganze Karriere lief seltsam, nach dem späten Start habe ich mit einem Jahr Unterricht die Aufnahmeprüfung geschafft, dann nach zwei Jahren an der Oper begonnen, dann viel Kammermusik gespielt und eben erst ’97 als Solistin angefangen.

Thomas» Da sieht man, das ein Sprung ins kalte Wasser wahre Wunder bewirken kann.

MZ» in jeder Branche, in jedem Metier gibt es Vorbilder. Gibt es für dich ein besonderes Vorbild?
Heike»» Ich liebe Musiker, die Emotionen auslösen, «Maria Callas», «Emil Gilels», «Fritz Wunderlich», ich verehre «Tzimon Barto» und «Grigori Sokolow», «Vicente Amigo» und «Yasmin Levy», um auch noch zwei Nichtklassiker zu nennen! Und noch viele, die mir jetzt gerade spontan nicht einfallen.

Thomas» In der Klassik bin ich noch nicht so lange unterwegs, ich gebe zu, ich kenne nicht alle. Aber den Leser wird die Auflistung sicherlich gefallen.

MZ» Welche Gitarristen/innen haben dich besonders inspiriert?
Heike»» «Julian Bream» und natürlich «Pepe Romero».

MZ» Heike, ich weiß, dass du dir vor kurzem ein Gitarre hast bauen lassen. Aber wenn du dir eine neue Gitarre aussuchen dürftest, welcher Hersteller und welches Modell wäre es?
Heike»» Die Fankhänel hatte ich mir ja ausgesucht (lacht), aber eine leicht surreale Antwort: Ich hätte gerne eine Simplicio für mich gebaut, aber leider ist er schon viele Jahre tot! Oder Stradivari??

Thomas» Für eine Stradivari, zu mindest gilt das für Violinisten, musst du dann aber ganz weit oben sein, um dir eine «Stradivari» leisten zu können. Aber ob das immer so anstrebsam ist, mag ich nicht zu beurteilen.

MZ» Was ist dein absolutes Lieblingswerk?
Heike»» Natürlich mag ich jedes Stück, in dem Moment, wo ich es spiele am liebsten, aber manche Stücke haben eine so eigene Magie… ich möchte nicht wissen, wie viele Leute heute Gitarrist sind, weil sie einmal dem Zauber von «Recuerdos de la Alhambra» verfallen sind. Jenseits der Gitarre sind meine drei Stücke für die legendäre einsame Insel Gilels mit der Lisztschen h-moll-Sonate, die Chaconne von Bach gespielt von Milstein und immer wieder die Dichterliebe mit Wunderlich.

MZ» Du besitzt ein neue Gitarre, nimmst sie aus dem Kofferraum und der Koffer war offen (so geschehen einem Freund von mir mit einem Saxophon), welchem Instrumentenbauer würdest du dein Vertrauen zur Wiederherstellung schenken?
Heike»» Im Zweifelsfall demjenigen, der sie gebaut hat. Sonst einem der wunderbaren Gitarrenbauer, die hier im Frankfurter Raum wohnen, wie z.B. Gernot Wagner, Michel Brück, Toni Müller.

MZ» Du kennst den Spruch, man muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Was war der Moment, als du das Glück hattest am richtigen Ort zu sein?
Heike»» Genau im richtigen Moment der erste Meisterkurs bei «Pepe Romero», der in mir als erster einfach nur eine Solistin mit einer möglichen Karriere sah (in seinen Worten klang das nicht so norddeutsch nüchtern!) und mir so die Courage gab, alles auf eine Karte zu setzen.

Thomas» Dann lag er ja genau richtig bei dir. Mach einfach weiter so.

MZ» Gab es für dich als Musikerin zwischen durch auch einen Plan B neben der Musik?
Heike»» Lange Zeit habe ich mich als reine Kammer-und Theatermusikerin gesehen, ich hatte viele Zweifel, wohin mein so ungerader Weg gehen könnte. Aber im Endeffekt hatten alle kurzfristigen Pläne B-Zimmer irgendwie mit Musik zu tun.

Thomas» Wenn Plan-A und Plan-B nicht funktionieren, wir haben dann immer noch 24 weitere Buchstaben im Alphabet. (lacht)

MZ» Spielst du auch in größeren Ensembles?
Heike»» Im Moment kaum noch, wenn dann eben als Solistin mit Orchester. Auftritte zum Beispiel mit Streichquartett sind für Veranstalter kaum noch zu finanzieren, die kaufen dann lieber einen pflegeleichten und insgesamt billigeren Solisten.

Thomas» Stimmt, auf Bällen hat der Trend zur Zweitband ja auch stark nach gelassen. Wir waren als Semiprofies damals die «low cost version of Hugo Strasser»

MZ» Heike, du hast als Solistin ja schon musikalisch sehr viel erreicht. Du reist sehr viel ins Ausland zu Konzerten. Wo möchtest du noch hin?
Heike»» Ganz oben auf der Wunschliste ist Neuseeland, das Land muss so unglaublich schön sein… und ich war noch nie in Südamerika! Aber ich freue mich auf Reisen nach Asien, dort ist eine so direkte Begeisterung für die Klassik sichtbar! Und ich freue mich immer, sozusagen als Kulturbotschafter unterwegs zu sein. Welch ungeheuer reiche musikalische Kultur wir hier haben, ist mir tatsächlich im Ausland erst richtig bewusst worden. Die weltweit größte Dichte an Opernhäusern und Orchestern. Und alle „Charts“ der meistaufgeführten Komponisten weltweit enthalten meist deutschsprachige Komponisten. Wir sind Klassikweltmeister und wissen es nicht!

Thomas» Ok, ich durfte schon die Samba-Luft beim Karneval in Rio förmlich spüren (Gänsehaut Feeling pur), aber bei Neuseeland würde ich dich glatt begleiten wollen.

MZ» Hast du schon mit ganz berühmten Gitaristen zusammen gespielt, wenn ja welche waren es?
Heike»» Mit Pepe auf der Bühne zu sitzen hat eine ganz eigene Magie…

MZ» Mit welchen/m Musiker/n würdest du gerne ein neues Projekt starten wollen?
Heike»» Oh, die Liste ist lang!

MZ» Stell dir vor, du sollst Musik für einen Film schreiben: Für welches Film-Genre würdest du was schreiben wollen/können?
Heike»» Als ich klein war, habe ich immer geblödelt, ich würde irgendwann mal die romantischen Gitarren, die IMMMER in Hollywoodwestern vorkommen, spielen wollen… Ich bin ja Melomanin und liebe Musik, die schön ist, da würde eigene Musik zu Zorro oder Historienfilmen passen- oder einem romantischen Liebesfilm?

MZ» Als Berufsmusiker macht man sicher auch mal Urlaub. Hat man dann sein Instrument dann doch mit dabei, oder ist das eher eine Amateurskrankheit?
Heike: …googelt «Urlaub»… ich bin ja Hochleistungssportler und werde auch unleidlich, wenn ich nicht meine sehr meditative tägliche und seit Jahren kaum verändert Technikroutine spielen kann! Und den Trainingsrückstand wieder aufzuholen ist wirklich nervig, also so mit zwei Stunden Gitarre am Tag ist Urlaub möglich, durch die vielen Reisen verbringe ich den aber tatsächlich am liebsten zuhause.

MZ» Wie würdest du es als bekennende Tatort-Twitterin finden, einmal die Musik in einem Tatort zu spielen?
Heike»» Genial! Und ich bin schon länger in der Komparsenkartei, aber noch nie engagiert worden. Hier in Frankfurt wird ja viel gedreht, ich war schon im Fall für zwei, der Kommissarin, Geld Macht Liebe und allerlei Filmen zu sehen, aber eben noch nie als Musikerin. (Funfact: Ich habe im Studium jahrelang mit Sondererlaubnis den szenischen Unterricht der Opernsänger mitmachen dürfen!) Mit Tukur zu drehen oder für ihn oder im Film mit ihm Musik zu machen, das wäre was!)

Thomas» Du weißt aber schon, dass du einen Tatortkomponisten in deinen Facebook Kontakten hast….Heike Twitter übrigens unter: @gitarra für Tatortfans eine unbedingte Follower Empfehlung.

MZ» Heike, gibt es Komponisten/innen, die schon für dich persönlich Werke geschrieben haben?
Heike»» Immer mehr, weil ich auch immer wieder Auftragskompositionen vergebe!

MZ» Ist neue Musik für dich ein Thema?
Heike»» Alles, was für mich geschrieben wurde, ist ja neu, entspricht aber nicht unbedingt dem Klischeewort „Neue Musik“. Leider ist ja die GEMA auch immer wieder ein Riesenthema, kleinere Veranstalter erbitten immer wieder explizit gemafreie Programme – dann überlegt man sich auch als Musiker, wie viel Zeit und Mühe man in Stücke steckt, die man nur seltenst aufführen wird… Leider!

MZ» Neue Musik, mein Wohnort Darmstadt, Akademie für Tonkunst: War und ist Ausbildung junger Menschen für dich ein Thema?
Heike»» Ich habe nach dem Studium natürlich unterrichtet, heute sind es nur noch Meisterkurse und Workshops, ich habe immer gerne mein Wissen weitergegeben.

MZ» Planst du ggf. auch ein Lehr- bzw. Schulungs-Buch für Klassische Gitarre zu schreiben?
Heike»» Die entscheidenden Dinge, wie z.B. die richtigen Hebel im Arm, eingesetzter Druck oder Entspannung zwischen den Noten lassen sich so viel einfacher direkt durch Zeigen und Korrigieren beibringen, das kann man nicht in Worte fassen. Und Bücher mit Technikfutter etc. zum Lernen gibt es schon genug. Es war lange Zeit ein Runninggag zwischen mir und Romero, dass ich irgendwann «seine» Schule schreiben muss, weil ich seine Art zu spielen und zu unterrichten so gut kenne.

Noch ein paar Fragen zu „Heike ganz privat“

MZ» Was waren deine Stärken in der Schule und welches Fach mochtest du so gar nicht?
Heike»» Ich war ein „Streber“… mir ist fast alles leicht gefallen, dadurch habe ich nie ernsthaft arbeiten müssen – selbst fürs Abi habe ich erst ein paar Wochen davor erst angefangen, mich mal ein bisschen vorzubereiten. Und ich habe alles mit Logik und Struktur geliebt! Übles Thema war Schulsport. Obwohl ich mein Leben lang getanzt habe, war das eine wirkliche Plage, ich habe mir dann irgendwann ein Attest besorgt und durfte/musste dann nur noch ins Schwimmen. Später habe ich sogar mal einen Stückvertrag als Tänzerin an der Oper gehabt. Und mache jetzt mit Begeisterung fast jeden Tag irgendwelchen Sport.

MZ» Was ist dein Lieblingsessen und trinkst du lieber Sekt oder Selters?
Heike»» Schokopudding – oder zählt das nicht als Essen? Und tagsüber Selters, abends dann schon Mal einen Sekt…

MZ» Gibt es für dich einen Lieblingsfilm und wenn ja, hat er mit Filmmusik zu tun.
Heike»» Orfeo negru aus den 50ern, der Orpheusmythos in den brasilianischen Karneval übersetzt mit wunderbarer Bossanova-Musik, die Titelmelodie spiele ich selber immer wieder in Konzerten!

MZ» Bleibt neben der vielen Musik noch Zeit für einen Lieblingssport, wenn ja welcher?
Heike»» Alles mit Tanz…und möglichst regelmäßiger Sport ist ein Muss, um weiterhin schmerzfrei zu spielen und den Beruf mit Reisen, Zeitzonen, Ernährungswechseln und immer wieder Schlafmangel zu „überleben“, da braucht man eine gehörige Grundfitness. Flamenco musste ich wegen des Risikos für den Rücken leider aufgeben und der Traum mal Shaolin-Kungfu zu lernen wird in diesem Leben wohl auch lieber unverwirklicht bleiben. Zur Zeit ist es also eine Mischung aus Bauchtanz, Zumba, Aerobic, Yoga und Taichi, worin ich den körperlichen Ausgleich für das viele Sitzen am Instrument oder am Computer finde und ich sehe es als Teil meiner Beschäftigung mit der Musik, damit ich auch in 40 Jahren noch auf einer Bühne sitzen und spielen kann!

Thomas» Heike ich danke dir für das Interview und freue mich auf ein Wiedersehen mit dir auf dem besten Event in Frankfurt: der Musikmesse!

Anmerkung zum Text: Das Interview wurde schriftlich geführt und wurde nachträglich mit kleinen Antworten ergänzt.

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