Neue Hör-Aspekte: „Visions“, das jüngste Album der Geigerin Caroline Adomeit

(JOACHIM WORMSBÄCHER) Wer Klavierwerke für die Violine bearbeitet, tut dies wohl eher nicht, weil die Literatur für das Instrument zu knapp ausgefallen wäre. Ganz im Gegenteil ist die Original-Literatur für die Geige riesigganz anders als etwa bei der Bratsche, die oft aus barer Not auf Bearbeitungen zurückgreifen muss. Mit ihrer jüngsten, bei Thorofon erschienenen dritten CD, „Visions“, die sie zusammen mit der Pianistin Nadiya Kholodkova eingespielt hat, verfolgt die Geigerin Caroline Adomeit das künstlerisch vielleicht erhabenste Ziel, das man mit Bearbeitungen anstreben kann: die Eröffnung neuer Höraspekte. So versucht Adomeit, der jeweiligen Komposition an sich interpretatorisch gerecht zu werden und zugleich für die Violine „geigerisch“ zu arrangieren, um so verschiedene Aspekte in neuem Licht erscheinen zu lassen. Von den 24 Arrangements originaler Klavier- bzw. Cembalokompositionen für die Besetzung Violine und Klavier stammt ein guter Teil aus Adomeits Feder, sie erklingen im Wechsel mit Bearbeitungen großer Geiger wie Jascha Heifetz, Nathan Milstein und anderer Arrangeure.

Quelle: www.carolineadomeit.com
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Es sind kleine Kostbarkeiten, die Caroline Adomeit und Nadiya Kholodkova für den Hörer bereithalten. Souveränes Stilempfinden spricht sowohl aus den Transkriptionen wie aus den Wiedergaben. Wie bei Ihren früheren CDs nimmt Caroline Adomeits Vortrag unmittelbar ein, ist ganz dicht am Hörer. Ihr Ausdruck ist bemerkenswert wandlungsfähig, von überaus lebendiger Gestik und Agogik, ihre Tongebung von intelligenter, geschmeidiger Intensität. Das Zusammenspiel im Duo lässt keine Wünsche offen.

Gleich aus der einleitenden Purcell-Hornpipe sprechen hochelaborierte Verzierungskunst und bezaubernde tänzerische Grazie. Auch in den Scarlatti-Bearbeitungen ist der Geist der Kompositionen im Vortrag so präsent, dass man – wüsste man es nicht besser – kaum darauf käme, dass es sich um Bearbeitungen handeln könnte. Wundervoll trifft das Duo etwa die Schumannsche Poetik in „Der Vogel als Prophet“ oder – eine ganz andere Welt – die beinahe laszive Schwüle von Debussys Walzer „La plus que lente“, faszinierend gelingt die gleichsam schwerelose Expressivität von Debussys „Clair de lune“. Voller bezaubernder, geheimnisvoller, grotesker Momente sind jeweils drei Stücke aus den Visions fugitives op. 22 von Sergej Prokofjew und den Préludes op. 34 von Dmitrij Schostakowitsch, wobei Prokofjews „flüchtige Visionen“ offenbar zugleich als Inspiration für den Titel der CD dienten.

Die Art und Weise, wie Caroline Adomeit etwa die wundervolle Poesie des posthumen cis-Moll-Nocturnes von Frédéric Chopin in der Bearbeitung von Nathan Milstein entfaltet, ist staunenerregend und im Grunde bezeichnend für die gesamte CD. Den Hörer mutet die Violine nicht fremd an, im Gegenteil erfahren die ursprünglichen Klavierfassungen eine große Bereicherung: Adomeit gelingt es, die Klangwelt des Tasteninstruments unmittelbar in authentischem Streicheridiom mit all seinen zusätzlichen Möglichkeiten aufgehen zu lassen – das selbst gesetzte Ziel wurde fraglos erreicht. Mit Alexander Skrjabins Terzenetüde gelingt ein virtuoses Feuerwerk, mit der abschließenden Italienischen Polka von Sergej Rachmaninow der selbst ein grandioser Transkriptor warein brillanter, musikantisch-beschwingter Kehraus.

Quelle: www.carolineadomeit.com
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Joachim Wormsbächer

Joachim Wormsbächer studierte Schulmusik, Musikwissenschaft und Anglistik in Frankfurt am Main. Als Musikjournalist schrieb er für den Wiesbadener Kurier, die Frankfurter Neue Presse und war langjähriger freier Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (siehe auch F.A.Z. Archiv hier klicken ) mit Schwerpunkt bei Streicher- und Kammermusik. Ebenso schrieb er Beiträge für Musikbuch- und Musikzeitschriftenverlage (u.a. für NMZ, Das Musikinstrument und den Schott-Verlag) sowie diverse Konzertreihen und Musikfestivals.

Die Redaktionsleitung der Mittelpunkt-Zeitung bedankt sich bei Joachim Wormsbächer für die fachliche Einschätzung der neuen CD VISIONS – Vergeigte Klavierjuwelen, erschienen bei: Thorofon von Bella Musica  http://bella-musica-edition.de/cth2639-visions/.

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